Leserbrief zum Artikel „Polizei ermittelt wegen Hass-Kommentars“ vom 20.01.2016

Katja Suding sagte auf den Neujahrsempfang der FDP letzte Woche in der Tuttlinger Stadthalle, dass man ruhig ehrlich aussprechen dürfe, wer zum Täterkreis in Köln in der Sylvesternacht gehört habe: muslimische nordafrikanische Männer. Für diesen Satz erhielt sie in ihrer langen Rede den meisten Applaus. Ob sie nur wegen dieser (durchaus wahren) Erkenntnis von Hamburg nach Tuttlingen gereist war? Man merkt schon im kleinen Saal der Stadthalle voller gut situierter und prominenter Bürger, dass der Wunsch brodelt, seinen Gedanken offen Luft machen zu dürfen. Ich habe Katja Suding so verstanden, dass man Probleme nur lösen kann, wenn man sie ohne falsche Toleranz benennt, doch die heftige Reaktion der unternehmensnahen Tuttlinger Bürgerschaft ließ mich etwas Gänsehaut bekommen.
Welches Phänomen hier wirklich zu Tage tritt, sieht man in der Tuttlinger Facebook-Gruppe „Du weißt, dass du aus Tuttlingen bist, wenn …“. In der Diskussion um die Red Devils tauchen immer wieder fremdenfeindliche Kommentare auf. Viele User haben nur ein sehr geringes Verständnis dafür, dass man den Mordwunsch an Flüchtlingen zur Anzeige bringt. Das sei nur Spaß gewesen, die Gutmenschen hätten ja sonst nichts zu tun, als zu denunzieren und man müsse doch jemand nicht gleich ans Messer liefern, nur weil … ja was? Weil er seine Meinungsfreiheit genutzt hat? Nein, die Meinungsfreiheit deckt solche menschenverachtenden Sätze nicht ab, auch wenn manche Menschen seit der offenen Diskussion um die Sylvesternacht einen anderen Eindruck bekommen haben.
Der Ton verschärft sich, der Respekt vor Mitmenschen und der öffentlichen Meinung weicht dem eigenen Überlegenheitsgefühl, das sich hinter einem anonymen Bildschirm noch stärker aufbaut als im „real life“. Facebook-Splitter und tendenziöse Blogs dienen in einer gewissen Bevölkerungsgruppe oft als einzige Informationsgrundlage. Tagesschau und Tageszeitung vertraut man weniger als dubiosen Quellen. Ich finde das erschreckend!
Mathias Schwarz, Tuttlingen

Der Leserbrief erscheint voraussichtlich am 22. Januar 2016 im Gränzboten

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